Nachdem die Ankunftsphase ohne Internetzugang an uns vorüberging haben wir es versäumt, einige Informationen zu unserem allgemeinen Lebensumfeld zu geben.
Diese wären:
Wohnung
Unsere Wohnung befindet sich in Nasr City, einem der jüngeren Stadtteile von Kairo, der zu Ehren des Siegers über die israelischen Truppen im Jom-Kippur-Krieg erbaut wurde. Wir leben in einem Haus mit diversen Professoren der Al Azhar Universität und der wahrscheinlich süßesten Bawab-Familie in ganz Ägypten. Für diejenigen, die die Lektion „Auf Wohnungssuche“ im Arabischbuch nicht mehr parat haben: Ein Bawab ist sowas wie ein Hausmeister mit einem langen Gewand.
Die Wohnung selbst ist super schön und gemütlich und hat alles, was wir brauchen. Außer des öfteren Wasser und Strom. Soll aber ein temporäres Problem sein, malesh. Hauptaufenthaltsort, wenn wir mal zu Hause sind, ist der Balkon, für den uns unsere Vermieterin sogar noch extra Tisch und Stühle gekauft hat.
Uni
Die Misr International University ist eine Bildungseinrichtung mit dem Flair einer Hotelanlage. Am ersten Tag dachten wir, wir seien im Himmel, da man nicht nur T-Shirts und Kugelschreiber geschenkt bekommt, sondern dazu auch noch überall Angestellte frischen Mangosaft und Snacks servieren. Was für ein Empfang, dachten wir uns schon, leider stellte sich heraus, dass das alles eigentlich für die Freshmen-Students war und zwar für die, die an dieser Uni regulär bezahlen... ;-)
Ansonsten können wir zur Uni noch nicht viel sagen, da die allgemeine Verplantheit und völlige Abwesenheit jeglicher Regeln selbstverständlich NUR auf den Ramadan zurückzuführen ist. Bestimmt werden wir uns zum Ende des Monats organisationsmäßig in einem Militärcamp wiederfinden.
Was aber auffällt, ist die bedingungslose Hilfsbereitschaft einfach jeder einzelnen Person, die man auf den verwirrenden Gängen dieser Gebäude so antreffen kann: Ob Professoren oder Studenten, Putzfrauen, Bibliotheksmitarbeiter oder Sicherheitspersonal (oh ja!), sie alle überschütten einen mit einem freundlichen Schwall arabischer Wörter, man lächelt und nickt und lächelt nochmal und dann erfährt man, wie toll es alle finden, dass man hier ist und alles und überhaupt.
Kairo-Nighlife
„Kairo im Ramadan ist gaaaaaaaaanz anders!“, „Während Ramadan ist in Kairo gaaaar nichts los!“ GAR NICHTS LOS?!?!? Wir werden wahrscheinlich unser oberblaues Wunder erleben, wenn die Schonfrist nächsten Monat zu Ende geht. Kairo ist eine der Städte, die nie, wirklich NIE, schläft. Neulinge werden noch nach zwei Wochen an ihren Augenringen erkannt. Völlig egal, wann man nach draußen geht, immer findet man Leute auf der Straße und die Altersspanne erstreckt sich von 9 bis 99.
Dass in Kairo während Ramadan nichts los ist, stimmt also definitiv nicht. Ob es danach ganz anders sein wird, werden wir noch herausfinden.
Erlebnisse
Alexandria: Unser erster Trip nach Alex war eher spontaner Natur, machte aber auf jeden Fall Lust auf mehr. Abends in Kairo los, in Alex erstmal Mango bi Laban im Saft-Drive-In, dann Sightseeing im wunderschönen Park des ehemaligen Königs, weiter zur Festung und berühmten Bibliothek und noch in der selben Nacht zurück nach Kairo. Wir fanden Alex jetzt schon super, im Winter soll es unglaublich sein.
Felukka, Muqattam und Suhur: Unser bislang touristischstes Erlebnis war der Ausflug mit Mohammed und Ashraf vom International Office der MIU und den Austauschstudenten aus Schweden und Polen. Nichtsdestotrotz ein unvergesslich schöner Abend. Zuerst mit der Felukka über den Nil schippern, dann für Tee und Shisha auf den Muqattam, den Hausberg Kairos, von dem man den unglaublichsten Blick über die hell erleuchtete Stadt hat, und schließlich gegen halb drei (völlig normale Essenszeit) zum ersten Suhur in die Stadt – es war der Beginn des Ramadan und gleichzeitig unser erstes Essen in einer Menge von gefühlten 20.000 Ägyptern, die sich durch die Straßen drängen.
Die Villa: Unser Freund Ahmed besitzt dank seines – nennen wir es einflussreichen – Vaters nicht nur drei Autos sondern auch eine eigene Villa mitten im Niemandsland zwischen Kairo und Alexandria. Wer jetzt wie ich dachte, dass Villa nur eine Übertreibung aufgrund unzureichender Vokabelkenntnisse sei, liegt falsch. Ich hätte nicht gedacht, dass es irgendwo auf der Welt einen Platz wie diesen gibt. Das Haus, der Garten, der Pool, das alles ist einfach nur wunderschön und wunderbar einsam gelegen, ein Traum. Die Distanz sprengt leider endgültig die Schmerzgrenze dessen, was wir bereit sind, bis zur Uni zurückzulegen, sonst wären wir auf der Stelle eingezogen.
Das Meer: Das Schöne hier ist, dass man sich automatisch so schnell anpasst. Kairos Bewohner lieben zwar ihre Stadt, genauso schwärmen sie aber davon, sie für eine Weile zu verlassen. Freitag Nacht brachen wir auch endlich auf, nach El Ain El Sukhna, Erzählungen zufolge so etwas wie das Gelobte Land. Wir fanden einen wunderbar ruhigen Platz am Roten Meer vor und verbrachten damit unseren ersten Strandtag.
Die Party: Donnerstag abend Iftar als Einweihung unseres neuen Zuhauses. Die Party war phänomenal, endlich die ganze Wohnung voller Menschen, Essen, Stimmen, ... Danach fuhren wir noch mit einigen Freunden zu einem Jazz-Sufi-Konzert im Kulturzentrum El Sawy in Zamalek, ein ungewohntes aber ganz und gar nicht unerträgliches Erlebnis.
Die Pyramiden: Die Pyramiden schaffen es nur auf Platz zwei unserer touristischsten Erlebnisse, weil wir, um den Eintritt zu sparen, nachts auf einem nicht vorhandenen Weg mit Ahmeds Jeep durch die Wüste heizten und den Anblick der Pyramiden dann aus einiger Entfernung von einer Düne aus genießen durften. Es ist ein völlig surreales Erlebnis, wenn sich diese jedem bekannten Gebilde plötzlich vor einem erheben, man hat sie so oft gesehen und wenn man schließlich davor steht, kann man es nicht glauben. Zu dieser einzigartigen Atmosphäre trägt natürlich auch die Wüste ihren Teil bei, in der Nacht schon für sich alleine ein Erlebnis.
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